vom_unverstaendnis

Woher rührt dieses von Verblüffung bis Missbilligung reichende Unverständnis, das viele Autofahrer angesichts Rad fahrender Zeitgenossen im Straßenverkehr an den Tag legen?

Es liegt am Selbstverständnis der Wagenlenker. Einem Selbstverständnis, das von Politik und Industrie über Jahrzehnte hinweg gefördert und gefestigt wurde; mit dem Ergebnis einer asphaltierten Gesellschaft. Für den motorisierten Individualverkehr – und für niemanden sonst – wurde die passende Infrastruktur geschaffen. Egal ob Autobahn, Umgehungsstraße, Tempo-30-Zone oder Tiefgaragenstellplatz: Verkehr wurde vom Auto her gedacht. Wir leben gewohnheitsmäßig in dieser Welt, vieles fällt uns schon gar nicht mehr auf. Lärmende Durchgangsstraßen in der Stadt, für den Autoverkehr optimierte Kreuzungen, Parkhäuser und Tiefgaragen an jeder Ecke – geschenkt. Es herrschte lange stillschweigendes Einverständnis bei uns allen – schließlich haben viele von dieser Entwicklung profitiert, gerade in Stuttgart. Sei es als Teil eines Wirtschaftszweigs, der mit Herstellung, Vertrieb und Instandhaltung des Systems befasst ist. Oder sei es als Nutzer desselben.

Langsam allerdings bekommt die unerschütterliche Gewissheit, das Auto sei die Krone der Mobilität, ernstzunehmende Risse: denn es gibt da dieses Problem mit der Energiezufuhr. Wir leisten uns ein Verkehrssystem, das Unmengen an fossiler Energie verschlingt und uns teilweise giftige Gase zur Inhalation hinterlässt. Vom immensen Flächenverbrauch außer- wie innerorts ganz zu schweigen.

Und nun tauchen auch noch diese Radfahrer auf, die ihren Platz im Straßenverkehr beanspruchen. Sie tun dies in einem Straßenverkehr, der doch dem Auto gehört, sie tun dies mit einem Verkehrsmittel, das doch schon fast ausgestorben zu sein schien. Das ist zugegebenermaßen schwer auszuhalten, auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Fahrrad als Massenverkehrsmittel älter ist als jedes motorisierte Fahrzeug.

Unter den gegebenen Umständen ist also ein gewisses Unverständnis vorprogrammiert.

Was hat all das mit der Critical Mass zu tun? Sehr viel: Wir leisten gewissermaßen Aufklärungsarbeit. Wir zeigen auf entspannte Weise, wie selbstverständlich auf allen Straßen Rad gefahren werden kann. Wir zeigen: das ist überhaupt nicht gefährlich, solange der Autoverkehr sich in einem für alle verträglichen Rahmen bewegt. Dieser Rahmen allerdings, der wird in Zukunft deutlich enger zu stecken sein als bisher. Auch wenn dies – vorläufig – noch nicht alle verstehen.

Text: Alban Manz

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2 Gedanken zu „Vom Unverständnis

  1. Karsten

    Danke für diese Einsichten!
    Im Übrigen waren schon immer weite Teile der Bevölkerung die kein Auto besitzen von dieser Mobilität ausgeschlossen und gefährdet. Man denke an Kinder, alte Menschen, und über Jahrzehnte hinweg auch und immer noch Frauen. Durch eine Fokussierung auf den Autoverkehr werden auch alternative, menschenwürdigere und zivilisationsgerechtere Mobilitätskonzepte an den Rand gedrängt und ihre Entwicklung behindert.
    RECLAIM OUR STREETS!
    http://www.parking-day-leipzig.de/
    Bald auch in Stuttgart?!

    Antwort
  2. Christian

    Heute stieß ich zufällig auf die criticalmass-Tour – genauer, beim Ärger über einige Radwegparker auf einem denkbar unnötigen Radweg-Fragment (Heilbronner Str. am HBF) machte mich eine Dame auf die Fahraddemo aufmerksam.

    Zum „Unverständnis“:
    Die Polizei-Begleitung (ja, mir ist das schon klar, aus organisatorischen/rechtlichen Gründen nötig) bestärkt leider genau das gewohnte Verständnis: Radfahren auf offener Straße ist gefährlicher Unsinn, mehr als zehn Radfahrer auf einmal sind eine Gefahr und als besondere Aktion einzustufen.

    Das Selbstverständnis, Radfahrer als Teil des Verkehrs, kommt erst dann, wenn sie ständig (bei jedem Abbiegen, bei jedem Falschparkversuch usw.) präsent sind. Das geht aber nicht im Schwarm und nicht mit Korken – trotzdem, es war einmal interessant, angstfrei auf den Hauptstraßen zu fahren.

    Weiter viel Erfolg und viele Grüße
    Christian

    Antwort

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